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Q&A

Ollis Bootstests:

In den letzten Jahren habe ich (97kg) viele Boote für schweres Wildwasser getestet. Ich habe weder einen Laden noch bekomme ich von Herstellern was geschenkt oder lebe von deren Werbungen. Durch jahrelange Erfahrungen als Bootstester und Designassistent (z. B.: Dagger RPM & Nomad, Necky Switch & Blunt)und als Kajaklehrer für schweres WW traue ich mir zu relevante Fahreigenschaften zu definieren und zu erkennen, wann und wo ein Boot für oder gegen den Paddler arbeitet.

Da ein Boot für mich selbst alles, von wuchtig bis steil, beherrschen muss, bleiben Boote wie z.B.: der Wave Sport Diesel (meiner Meinung nach nix für steile Flüsse) aussen vor. Mein  Boot muss ausserdem im Kursbetrieb auf WW 3-4 Spass machen und zielsicher sein. Ob Rund- oder Flachboden ist mir egal. Allerdings muss der Flachboden auch kompatibel mit schräge angefahrenen Steinen als Boofhilfe sein. Wie sich herausstellte, gibt es nur wenige Flachboden-Boote auf dem Markt die diesen Spagat schaffen. 

Das wichtigste und gleichzeitig das schwierigste im Designprozess an einem Wildwasserkajak ist die sog. Balance um die Quer- und Körperachse. Wo sitzt der Paddler im Kielsprung (und den Flächen am Bootsboden) und in rel. zum breitesten Punkt der Aussennaht (und den Flächen der Bootsseiten)?

Ein gut ausbalanciertes Boot ermöglicht dem Paddler durch Gewichtsverlagerung, Paddelschläge und/ oder Kanten den Bug zu belasten (z.B. durch Kanten bei der Einfahrt ins KW, wenn der Bug mit der KW-Strömung mitgehen soll) oder zu heben (Boofen oder auf Wellen hinauffahren). Ein gut ausbalanciertes Boot fühlt sich auch wendig an, da der Paddler über dem Drehpunkt sitzt und nicht davor oder dahinter. Das Boot kann mit ähnlichem Widerstand an Bug und Heck drehen und fühlt sich so "frei" an. 

Boote, die über Stufen ihren Speed halten sollen (einige moderne Boote, die Extremrennen gewinnen sollen) verwirklichen das durch wenig Kielsprung und große Flächen am Unterschiff hinter dem Fahrer. So ein Boot ist recht schwer zu boofen und auch mit Kante und Vortrieb bleibt der Bug unten. Um das Ganze halbwegs fahrbar zu machen, wird dem Bug viel Kielsprung gegeben. Dadurch wiederum hat das Boot vorne kaum Führung. Man sitzt weit vor dem Balancepunkt, und das Boot ist, wenn es aus dem Ruder läuft, nicht mehr einzufangen. Es fühlt sich an als ob man einen Schubverband fährt (beim Recon und 9RL extrem, Director, Raptor & Tuna etwas weniger). Diese "schlechte" Wendigkeit versucht man mit Kanten hinten zu kompensieren. Das Problem liegt aber in der Balance.

Mit dem Einzug recht breiter Flachbodenkajaks und zu hoher Anfangsstabilität scheint es aus der Mode zu sein, sein Boot auf die Kante zu stellen. Jedenfalls honorieren wenige neue Designs deutlichen Einsatz der Kante (Gewichtsverlagerung zum Schlag). Ein gutes Boot greift vorne beim Zielschlag UND hebt den Bug beim Beschleunigen (die Grundlage für eine trockene, ungebremste Fahrt über Wellen. Grund dafür sind im Sitzbereich parallelen Seitenwände Spielboot-inspirierter Kajaks und sehr breite Enden. Ich kann nur darüber spekulieren, ob Designer und Tester nicht kanten wollen oder können…

Jedenfalls hängt gerade von der Balance der Spass beim, für Jedermann notwendigen, Training ab. Dazu muss ein Kajak eine bewusste und aktive Fahrweise unterstützen. Ich habe viele Boote im Garten, länger als ein paar Wochen bleiben aber nur die gut ausbalancierten (ok. und eine Heckschleuder: der Braaap ;-).

Weiter habe ich das Gefühl, dass die großen Ausführungen der Boote zu sehr am Computer aufgeblasen und kaum auf dem Wasser getestet werden (oder die Tester taugen nix). Resultat sind superbreite Unterschiffe und Kniebereiche (Karma, Mamba, Director, Burn L) die eine zum Boofen und von vorne Führen erforderliche senkrechte Paddelführung nur schwer ermöglichen. So ein Boot kommt nur für Riesen in Frage. Allen anderen stehen sie im Weg.

Resultat meiner Tests ist, dass aktuelle Designtrends nicht unbedingt von Vorteil für den WW-Fahrer sind und einige ältere Designs wie Nomad, Mamba und Remix auch im aktuellen Umfeld noch locker ihren Mann stehen. 

Eher Rundboden (+: Spurtreue, Steinkontakt)

Dagger Nomad 8.5: auch nach 10 Jahren noch sehr gelungene Fahreigenschaften: spurstabil und dreht trotzdem super über den Bug. Bis 85-90kg eigentlich die erste Wahl für steiles WW, aber auch erstaunlich berechenbar im Wuchtigen. Im Vergleich zu vielen neueren Booten sehr langsam. Der neue Nomad steht auf einer modernen, etwas breiteren Plattform und ist ein tolles Upgrade. Der Medium ist größer als der alte Nomad 8.5 und der Large ein Boot für den 100kg Mann. Trotz der tollen Fahreigenschaften scheint mir die Zeit der echten Creekboote mit Voluminösem Bug vorbei. Die Ansprüche die ein solches Boot an den Fahrer im wuchtigen WW stellt sind hoch (schwer zu korrigieren).

Liquidlogic Stomper 90: Boofwunder, etwas undefiniertes Fahrern, aber willig, berechenbar und ausbalanciert. Im Vergleich zu vielen neueren Booten sehr langsam.

Liquidlogic Remix 79: Danke LL! Ein Boot das mir sehr viel Spass gemacht hat. Grenzwertig wenig Kielsprung für Steiles, aber schnell, steinkompatibel und präzise. Toller Sitz. Nicht sehr agil um die Quer- und Körperachse aber ausbalanciert.

Waversport Recon 83: unpräzise, unmöglich von vorne zu führen, "kantenneutral" und bleischwer. Zu recht ein Flop.

Lettmann Granate L: Auf Grund der hohen Nachfrage nach diesem Test; hier etwas ausführlicher: das Boot ist schnell und für seinen Speed erstaunlich agil. Allerdings steigt es beim Beschleunigen auch vorne und verliert etwas seine Führung, was ich nicht gerade als angenehm empfand (z.B. beim warten auf den Boofschlag) andere aber als positiv empfinden könnten. Es hat ein sehr anfälliges Hinterschiff, wahrscheinlich wegen einer niedrigen Aussennaht und einem etwas zu weit vorne liegendem Balancepunkts (breiteste Stelle bzw. Flächenverteilung der Unterwasserplattfrom, evtl. Grund des Steigens in Verbindung mit dem Kielsprung hinten), dass nachlässiges Umkanten und Oberwasser heftig quittiert. Der Kontakt zum Boot über Sitz und Schenkelstütze war sehr gut. Ich habe das Boot mit meinen 98kg deutlich überladen. Aber auch Matze mit 83kg hat die gleichen Eindrücke geschildert. Ich denke mit 75kg ist das Boot optimal beladen. Dann bekommt man ein schnelles, agiles Boot das Spass beim Fahren unter kontrollierten Bedingungen macht, im Grenzbereich aber relativ wenig Sicherheit vermittelt. Bzw. mein Remix hat im direkten Vergleich träge gewirkt, aber eben auch 100% berechenbar und vertrauenserweckend.

Lettmann Granate XL: Echter Tanker, dessen Verwandtschaft zur L v.a. optisch ist. Ein Boot, das auf einer recht breiten Plattform sehr hoch aufschwimmt. Sogar mit meinen knapp 100kg ist viel Bug und Heck über Wasser. Der Balancepunkt ist deutlich nach hinten versetzt. So ist das Boot gar nicht mehr Heckanfällig aber auch tot um die Querachse, heisst, der Bug lässt sich kaum Heben (schwer zu Boofen oder aufzuwippen), das Boot hält aber seinen Speed sehr gut in langsames Wasser (über Stufen) etc. Die Einbauten sind so-lala...

 Pyranha 9RLarge: Leider sitzt man in diesem Boot viel zu weit vor dem Balance Punkt. Dadurch ist er schnell und greift super ins KW, aber das war's auch schon. Mit meinem Gewicht (98kg) fährt er nass. Einmal aus dem Ruder ist er nicht mehr zurückzuholen. Die Plattform ist mir zu breit und zu wenig steinefreundlich.

 Pyranha 9R: Ich bin zu schwer für dieses Boot. Von aussen schaut er aber deutlich besser ausbalanciert wie sein großer Bruder aus. Auf Grund der geringen Breite ist er er ein sehr geeignetes Boot für leichte Fahrer und Frauen (unter 75kg).

Eher flach (+: wendig, wenig Führung)

Bliss Stick Tuna: schnell, macht viel Spass im tiefen Wasser. Starke Kanten sowie niedrige Aussennaht hinten machen ihn fast zu aggressiv für einen Allrounder. Fährt ähnlich dem WS Diesel mit Creekbug und -oberschiff. Enge Sitzanlage.

Waka Tuna/ Tutea: ich musste mir dann doch einen kaufen um den Boom, den dieses Boot ausgelöst hat, besser zu verstehen. Tuna und Tutea sind geile Boot und beliebt, weil sie durch einen breiten und stark aufgebogenen Bug sehr trocken fahren. Das machen sie auch, wenn der Boof nicht klappt oder man fahrtechnisch nicht in der Lage ist den Bug zu heben. Die Boote sitzen auf einer großen Fläche hoch auf dem Wasser und sind sehr wendig und gut ausbalanciert. Im Gegenzug haben sie kaum Führung und belohnen einen aktiven Fahrstil kaum. Waka hat das Heck des orig. Tunas etwas aufgeblasen. Dadurch erhöht sich auch der Kielsprung hinten. Das Boot ist nicht mehr so sehr Anfällig am Heck, aber auch bei weitem nicht mehr so schnell.

Waka Tuna 2.0: Etwas größer wie das Original. Mit seiner breiten Plattform schwimmt er sehr hoch auf und ist super wendig. Ein Top Boot mit vielen Reserven, wenn man das Boot nur führen und sich auf die wesentlichen Schläge konzentrieren will. Also nach wie vor eher ein Boot für den passiven Fahrer. Im Vergleich zum Ace ist er ungenau und zu nervös zu fahren. Sitz und Rückengurt sind toll. Die Prallplatte überarbeitet, 300gr. leichter und deutlich wackliger als beim Original. Die Schaumkeilqualität ist für ein Boot um € 1100,-- sehr schlecht. Schenkelstützen und Sitzform ermöglichen keinen sicheren Notausstieg. Optimales Fahrergewicht: 75-90kg

Waka Gansta: Waka hat für das "Rennboot" die Platform des Tuteas fast 1:1 übernommen und gestreckt. Die Seitenwände haben etwas mehr Flare (zum Unterschiff weiter nach innen gezogen) und das war es. Trotzdem fühlt es sich komplett anders an, als die kleinen Wakas. Es ist ein Boot das selbst mir als 100kg Paddler träge vorkommt, was weniger am Design liegt, sonder dass in dieser Größe wohl eine "kritische Masse" erreicht wird. Trotzdem macht er mir viel Spass, fährt trocken mit Reserven und ist mit meinen Bogenschlägen auch noch zu korrigieren. Die Einbauten ensprechen dem Tuna 2.0. Optimales Fahrergewicht: 85-110kg

Dagger Mamba 8.6: sehr gelungener Allrounder mit perfekter Balance und hoher Agilität um die Quer und Körperachse (der 8.1 ist noch agiler!). Leider ist der 8.6 zu breit (Unterschiff und Kniebereich) geworden. Die Breite ist in Kombination mit den aggressiven Kanten nix für steiniges Geläuf. Bleischwer. Top Boot, leider ist der 8.1 ist bis max 75kg geeignet und der 8.6 ab 95-100kg.

Pyranha Burn L: unbeweglich um die Querachse und zu breit im Kniebereich fürs Boofen, aggressive Kanten. Warum ist das Boot so beliebt?

Zet Director: recht agiler aber charakterloser (weil völlig unbeeindruckt vom Kanteneinsatz) Renn-Tanker, zu breit.

Einige Boote habe ich nicht mehr getestet, da ich ausschliessende Eigenschaften schon am Shape, bzw. nach Probesitzen feststellen konnte:

Jackson Karma L(M): zu breit im Kniebereich, Rückengurt auf Höhe der unteren Rippen

Pyranha Shiva L: zum sehr Baumstamm und zu breites Unterschiff hinterm Sitz

Prijon Pure XL: Gewicht, Sitzergonomie, kein Mittelkeil, Ästhetik

Spade Kayaks Ace of Spades: An dieser Stelle natürlich ein paar Worte zum Boot, dass ich mit Matze Brustmann zusammen entwickelt habe: 

Der Balancepunkt des Ace ähnelt dem des perfekt ausbalancierten Mamba sehr. Er liegt minimal weiter hinten, so dass der Ace nicht ganz so steigt, wenn man in langsames Wasser schiesst (Balance Querachse). Damit greift er auch etwas besser ins KW (oder sonstige Querströmungen =  Balance Körperachse). Allerdings muss der Ace auf die Kante gelegt werden um vorne zu greifen. Erst dann fällt der Bug. Das heisst wir haben, flach gefahren, ein Boot das recht unbeeindruckt durch Querströmungen fährt. Will man folgen, kantet man.

Das Unterschiff des Aces ist ein sehr gemäßigter Flachboden ohne harte Kanten mit mittelgroßer „Plattform“ (Fläche die den Auftrieb erzeugt). Im Vergleich zu planen Flachbooten mit harter Kante muss der Ace stärker gekantet werden um einen ähnlichen Griff in Querströmungen (z.B. ins KW) zu erzeugen, was ihm aber eben durch diesen Spant sehr leicht von der Hand geht. Der Ace fühlt sich auf Grund des Unterschiffs in steilem, steinigen Geläuf sehr wohl, obwohl seine Wasserlinie und seine Enden eher auf ein Wuchtwasserboot schliessen lassen würden.

Der Ace hat relativ wenig Kielsprung, das macht ihn schnell aber auch nicht gerade leicht zu Boofen. Trotzdem hat das noch niemand bemängelt - im Gegenteil. Das liegt daran, dass wir einen schlanken Kniebereich geschaffen haben und ein effektiver (senkrechter) Boofschlag sehr leicht von der Hand gehen. Viel Kielsprung ganz vorne im Bug ermöglicht eine trockene Fahrt auch wenn der Bug mal etwas tiefer fällt. Wer es beherrscht, kann den Ace auch wunderbar auf der Aussennaht (Kante) aufschaukeln und den Bug auch ohne Boofhilfe nach oben bringen.

Viele bezeichnen den Ace als gutmütig und sofort Wohlfühlen, ohne Eingewöhnung. Was bedeutet das? Berechenbar, treffsicher, intuitiv. (Was will ich mehr? )

Trotzdem habe ich 2015 ich ein Boot gesucht, dass mir mehr Fahrdynamik beim KW Fahren v.a. auf WW 3+ vermittelt. Von Klassikern wir Bliss & RPM bis hin zu Axiom & Braaap bin ich nicht fündig geworden. Am meisten Spass beim „Ballern“ habe ich mit dem Ace. Der Ace hat die Reserven und Manieren in schwerem WW, die wir brauchen um uns am Limit sicher zu fühlen. Mit einer aktiven und betonten Fahrweise, wie sie Matze und ich lieben (wir machen Sport;-), aber auch eine süchtig machende Dynamik.