Kopf hoch!
Das Streben nach Fähigkeiten - nicht nach Schwierigkeiten.
 
Als Kajaklehrer, Helmverkäufer und Bootshersteller bekommt man einiges von Kenterungen und Schwimmern im Wildwasser zu hören und zu sehen. So mancher Helm, der bei uns auf dem Tisch landet, lässt vermuten, dass der Besitzer ähnlich viele Schläge auf den Kopf bekommt wie ein Profiboxer und besser eine gute Frührentenversicherung abschliessen sollte. Viele solcher Ereignisse werden im Werdegang eines aufstrebenden Wildwasserfahrers mittlerweile als „normal“ bezeichnet. Ich finde sie haarsträubend und unnötig. Deutlich bessere Ausrüstung, wie noch vor einigen Jahren, ermöglicht dem Aufsteiger schneller schweres Wildwasser zu bewältigen - ein Trend dem ich sehr skeptisch gegenüber stehe. Will der aufstrebende Paddler schweres WW sicher beherrschen, und langfristig gesund bleiben, muss er so fahren lernen wie man es früher mit haarsträubend unsicheren Helmen zwingend musste.
 
Vorab: auch die Besten Kentern und Schwimmen. Der Unterschied ist allerdings meist, dass die Kenterung durch einen hohen Wasserdruck verursacht wird, der eine entsprechende Wassertiefe voraus setzt, dass schnell gerollt wird und dass das Befahren von Stellen, an denen ein Schwimmer droht, oft nur riskiert wird, wenn eine Sicherung steht und/ oder das Umfeld keine zusätzlichen Gefahren aufweist.
Die typische Kenterung von der ich oben spreche, passiert auf WW 3+ bis WW 4. Ein Schwierigkeitsgrad, den ein guter Fahrer sicher, oft sogar auf Sicht fahren kann, der kenternde Paddler offensichtlich aber nicht. Trotzdem sind Gefälle, Wasserdruck und Flussverlauf schon eine sehr ernst zu nehmende Gefahr für Mensch und Material und mit den Konsequenzen bis WW 3 nicht mehr vergleichbar. Selbst, wenn einzelne 4er Stellen im eigenen Fahrtenbuch zu 90% „gut gehen“, heisst es noch lange nicht, dass dieser Grad auch sicher (im Sinne von Unfallvermeidung) beherrscht wird. Dem Kenternden fehlt es an Erfahrung und Taktik das Wildwasser rechtzeitig richtig zu lesen, einen Plan zu entwickeln und an Schlagtechnik das Wildwasser auch mit Sicherheitsreserven zu durchfahren. Gerade die Reserven sind wichtig, wenn man langfristig schweres Wildwasser unbeschadet überstehen will.
 
Von WW 3 auf WW 4 findet der mit Abstand größte Sprung in der WW-Skala statt. Entsprechend zeitaufwändig ist es sich die Fähigkeiten für diesen Schritt anzueignen. Die Lernkurve ist ab hier stark degressiv, denn ein talentierter Anfänger "kommt" in der ersten Woche schon WW 3 „runter“. Das sind keine guten Nachrichten für einen aufstrebenden Wildwasserpaddler. Die Fähigkeiten die man für WW 4 benötigt, werden im Hallenbad (schnelle und technisch perfekte Rolle), im Flachwasser (einschleifen und verfestigen der notwendigen Schlagtechniken), auf WW 3 (zielsicheres, bewusst aufgebautes Linienfahren) und später zeitaufwändiges Fahren auf WW 4- bis WW 4 (mit Scouten, Linien entwickeln und wiederholtem Fahren) entwickelt. Das ist nicht das Abhaken aller Alpenvierer, das einigen vorschwebt. 
 
1-3 Jahre auf WW 3 klingt auch nicht nach der Progression, die einen neuen Sport so interessant macht. Deswegen kann ich nur motivieren seinen eigenen Fortschritt unabhängig von der WW-Schwierigkeit zu bestimmen. Da aber eine Formulierung konkreter Lernziele und Erfolge wesentlich schwieriger ist als Schwierigkeitsgrade abzulesen, kommen die wenigsten auf diese Idee. Um trotzdem schnell „weiter“ zu kommen werden dicke Boote gekauft, Fullface Helme, Ellenbogenschützer, Canyoningschuhe angelegt und, da der Ernstfall fast zum Alltag gehört ein Swift Water Rescue Kurs belegt. Statt zeitaufwändig, fleißig weiter zu üben und Erfahrungen zu sammeln bucht man bei der Kanuschule des Vertrauens einen Experten der einen bei angeblichem Heldenpegel in die höchsten Schwierigkeiten „beamt“ und einem erzählt, dass ein Schwimmer in den besten Familien vorkommt. Tatsächlich hält der Coach dich (hoffentlich) fern von den Knochenmühlen der Tiroler Gletscherflüsse und den Syphonlandschaften der Kalkalpen und pusht dich auf glattem und drucklosen, drop und pool WW, dass man auch auf der Luftmatratze unbeschadet überstehen würde. 
 
Auch für einen langsam alternden Paddler, wie mich, ist die Identifikation über Fähigkeiten statt Schwierigkeiten ein Ansatz mit dem ich den Spass am Sport über den Lernfortschritt erhalte, denn ich fahre schon lange nicht mehr so schwer wie früher. Aber: ich habe meine Ziel- und Liniensicherheit über neue, bewusstere Taktiken in den letzen Jahren deutlich verbessert. Ich habe Leans und Eardips gelernt. Ich kann mich besser konzentrieren und motivieren, so dass meine „schlechten Tage“ weniger geworden sind.
 
On a wave
Olli

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